Reisen mit Landvergnügen: Wenn Du Überraschungen liebst

Wie es uns mit dem Stellplatz-Finder Landvergnügen ergangen ist. Welche Erfahrungen wir beim Reisen gemacht haben. Und ob wir es anderen Campingbus-Reisenden weiterempfehlen können.

„Der biegt da ab!“ Wir sehen einen Camper direkt vor uns in den Winzerhof biegen, den auch wir ansteuern. Der schnappt uns doch tatsächlich den Platz vor den Reben weg, von dem uns der Winzer am Telefon erzählt hat.

Das fängt ja gut an. Wo können wir jetzt noch parken für die Nacht?

Landvergnügen: Was ist das?

Es ist unser erstes Mal, dass wir mit Landvergnügen reisen. Das Buch hat mir mein Mann zum Geburtstag geschenkt. Es ist die Eintrittskarte, Winzer, Landwirte, Imker und Selbstvermarkter auf ihren Höfen und Gütern zu besuchen und eine Nacht gratis irgendwo mit dem Campingbus für die Nacht bleiben. Manchmal ist noch ein Hofladen dabei, manchmal sanitäre Einrichtungen, manchmal auch nichts außer ein Fleckchen zum Übernachten.

Anrufen, ob Platz ist, hinfahren, bleiben. So einfach ist das.
Theoretisch.

Wir fahren an den Reben vorbei zu einer Obstwiese. Lassen wir uns eben da nieder, denken wir uns.

Wie wir später herausfinden, haben wir Riesenglück, dass da einer vor uns angekommen ist. Denn sein Platz liegt schon lange im Schatten, während wir neben Weinreben und unter Kirschzweigen die Sonne untergehen sehen.

Was kommen da für Menschen?

Der Winzer des Weinguts, gleich neben dem Main in Franken gelegen, jedenfalls hat schon gute und schlechte Erfahrungen gemacht. Da kommen Camper, ohne Hallo zu sagen, benutzen alle Einrichtungen und verschwinden ohne ein Danke. Einmal habe eine Familie sogar ein kleines Kätzchen mitgenommen.

Doch die positiven Erlebnisse überwiegen, erzählt der Mann, während er an seinem Traktor schraubt. „Einmal hat jemand 100 Flaschen Wein gekauft.“

Auf einem anderen Hof treffen wir Camper, die es genießen, nicht auf einer Parzelle auf dem Campingplatz zu stehen oder dicht gedrängt auf einem Stellplatz. Ein Paar wohnt nur 30 Kilometer entfernt und möchte einfach nur übers Wochenende ein bisschen Urlaubsfeeling einfangen.

Außergewöhnlichen Typen

Kontaktscheu darf man jedenfalls nicht sein, weder der Gastgeber noch der Gast. Wir lernen bei unseren fünf Stopps sehr außergewöhnliche und nette Menschen kennen. Da ist das niederländische Rentnerpaar, das eine Biohof am Rande eines kleinen Dorfes in Hessen betreibt und jetzt noch einmal von vorne beginnen will. 

Diesmal mitten in Frankreich. Ob sie schon einen neuen Hof haben? Bis jetzt noch nicht

Ob sie ihre Tiere mitnehmen? Auch das ist unklar.

Und französisch sprechen sie bestimmt fließend? Bei der Volkshochschule einen Kurs besucht. Aber mit dem Deutsch habe es auch recht schnell geklappt. Die beiden sind optimistisch.

Wie sie das Bioland-Label erhalten haben? „Das war ganz einfach“, sagt der Bauer. „Wir haben nichts gemacht.“ Also keinen Dünger, keine Gifte. Die Bauern hier spritzen einfach viel zu viel, finden beide.

Warum sie weg wollen? Weil es in Deutschland in eine Richtung laufe, die ihnen nicht gefalle. Konkreter werden sie nicht. Es ist sowieso schon ungewöhnlich, uns, völlig Fremden, einen so tiefen Einblick ins Private zu geben. Unglaubliche Lebensgeschichten wie diese lernen wir noch mehr kennen.

Wie wir ein Idyll finden

„Leider nein, wir sind schon belegt.“ Es ist schon die zweite Absage, die ich am Telefon bekomme. Es ist Samstag und gerade mittags. Kann es sein, dass wir schon zu spät dran sind?

Nein, beim dritten Versuch klappt’s. Wir steuern einen Hof in Niedersachen an, der im Buch als Nutztier-Arche beschrieben wird. Wie wir erfahren, ist der Hofherr der Erfinder dieser Art von Bauernhöfen. Dort leben Nutztiere, Schweine, Hühner, Rinder, die vom Aussterben bedroht sind. Die will er erhalten. Der genetischen Vielfalt wegen. 

Der Hausherr erzählt von seiner Idee, seien Idealen und seiner Überzeugung. Von seiner Wertschätzung für Lebensmittel und davon, wie er mit anderen mit Sitzblockaden einen Hühnermastbetrieb verhindert hat. Doch da ist noch viel mehr.

Der Mann hat neben seiner Bauernhof-Arbeit im Nebenerwerb ein Buch geschrieben über die Geschichte seiner Heimat, Über den Heide-Dialekt. Wie schaffen manche Menschen, so viele Dinge zu machen? Vielleicht schaut er nicht so viel ins Handy wie ich? Oder hat keinen Fernseher? Aber das ist ein anderes Thema.

Es kann auch mal schief gehen

Es ist heiß, wir wollen ans Wasser. Deshalb suchen wir nach einem Hof, der laut Beschreibung einen Badesee in der Nähe hat. Es ist nicht der fehlende See, weshalb wir reißaus nehmen.

Wir stehen mit dem Bus direkt neben drei Boxen, in denen junge Kälbchen leben. Wie es aussieht, wurden sie – wie in der konventionellen Landwirtschaft üblich – von der Mutter getrennt. Verzweifelt saugen sie an einem Gummi-Euter, doch der ist leer.

Ich halte das nicht aus, will nur noch weg. Zu den Besitzern sagen wir, dass wir einen See suchen und deshalb aufbrechen. Den Mut, die Wahrheit zu sagen, bringen wir nicht auf. Dass es auch anders geht, sehen wir anderswo.

Spontane Abendrunde

Wir fahren weiter auf einen Fruchthof mit Hofladen und Café im Garten im Alten Land, also bei Hamburg ganz in der Nähe der Elbe. Dort ist mit drei anderen Campern der Platz schon voll, doch wir können auf einer Wiese parken, falls uns der Lkw-Anhänger dort nicht stört. Tut er nicht.

Frage: wie viele Container stapeln da übereinander?

Wir radeln an die Elbe zum Fähranleger Lühe-Schulau, kaufen uns Fischbrötchen und warten darauf, endlich mal ganz große Kähne zu sehen. Die tun uns den Gefallen und schippern vorbei. Grüße an die große weite Welt.

Zurück am Platz sitzen die anderen Campervan-Reisenden zusammen. Ob die sich hier verabredet haben? Wir beschließen, uns mal vorsichtig dazu zu setzen und erfahren, dass sich alle erst hier kennengelernt haben. Ein Zimmermann-Ehepaar, ein Rentnerpaar und eine Frau im Sabbatjahr. Schon wieder werden spannende Lebensgeschichten erzählt.

Das Beste kommt immer zum Schluss

So kann Tierhaltung also auch aussehen. Nicht getrennt von der Mutter, sondern im glücklichen Sauhaufen auf Wiese und im offenen Stall leben hier die Schweine wie in einer Tier-WG. Wir sind von dem Bauernhof in Nordhessen, der sich Tierfairbrik nennt, begeistert.

Es gibt Futter. Im Schweinsgalopp rennen die Schweine den Bauern fast über den Haufen, um ans gemahlene Getreide zu kommen. Kein Sojaschrott aus Übersee, sondern alles aus heimischer Landwirtschaft, teils auf den eigenen Feldern erzeugt.

Die Ferkel können sich nicht entscheiden, ob sie nun lieber an den Zitzen der Mutter hängen oder doch mal vom anderen Mahl probieren. Es quiekt und grunzt. Manchmal geht es auch rau zu, wenn zum Beispiel der Eber seine Vormachtstellung an der Futterstelle behautet.

So genau stelle ich mir ein Sauleben vor. Nicht in engen Käfigen, eingepfercht, herzlos. Natürlich werden auch diese Schweine geschlachtet. Diesen Gedanken blende ich lieber aus.

Der Hofbesitzer erzählt von seiner Idee des Landlebens und dass er gerne noch andere mit ins Boot holen möchte. Im Herbst zum Beispiel ist ein Metzger mit von der Partie. Er sucht noch Leute, die ein Hofcafé betreiben wollen oder die Gemüse anbauen. tierfairbrik.de

Reisen mit Landvergnügen: unser Fazit

Mit dem Landvergnügen ist es ein bisschen wie mit einem Überraschungsei. Man kann zwar daran schütteln oder in diesem Fall die Beschreibung durchlesen, doch was einen vor Ort tatsächlich erwartet, weiß man erst, wenn man es ausprobiert hat. Macht das ruhig. Das Geld ist gut investiert.

Wir jedenfalls haben Dinge erlebt und Menschen kennen gelernt, die unser Leben bereichert, wenn nicht sogar verändert haben. Unseren Konsum jedenfalls haben wir schon umgestellt.

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