Über das Selbstbildnis

Jeder hat es, doch es ist unsichtbar. Man versucht es täglich zu verbessern, anzupassen und zu optimieren. Es verfolgt uns sozusagen, wie unser Schatten. Es ist kein alleiniges großes Ganzes, sondern eher ein riesiges Puzzle, welches sich aus verschiedenen Teilen, manche etwas kleiner, andere etwas größer, zusammensetzt. Ich sehe was, was du nicht siehst: unser Bild von uns selbst. Der eine sieht sich als Überflieger, während sich der andere als kleine, graue Maus fühlt. Und der nächste meint, seine Klugheit sei sexy, während andere sich über dessen ewige Besserwisserei lustig machen. Das Bild von uns selbst ist eben nicht das Bild, das die anderen von uns haben.

Stellen wir uns einmal vor, wir lernen jemand neu kennen. Ziemlich schnell haben wir ein Bild in unserem Kopf von unserem Gegenüber. Im Schwabenland kommt nach dem ersten Wortwechsel mit einer neuen Bekanntschaft meistens die Frage auf: „Wo schaffsch du?“ oder „Was mach`sch en du beruflich?“

Wie andere über mich denken

Doch warum ist das so wichtig? Malt dann ein kleines Männchen in dem Kopf von meinem Gegenüber ein Bild vom mir aus, obwohl er mich nicht mal wirklich kennt, und steckt es dann je nach künstlerischer Richtung in eine Schublade? Zum Beispiel in die der Bauernmalerei oder doch eher Expressionismus. Ist diese Malerei dann mein Bildnis? Und wer kontrolliert die Richtigkeit dieser Abbildung? Vergleich ich nämlich das Bild aus meinem Kopf mit dem, das der Typ von mir besitzt, der sich nach meiner beruflichen Karriere erkundigt hatte, so erkenne ich deutliche Unterschiede. Die Farbe, der Blickwinkel, die Perspektive, das Format und die abgebildeten Motive differenzieren komplett voneinander. Die Eigenwahrnehmung und die, die eine andere Person von mir hat, können also so unterschiedlich sein wie Tag und Nacht. Doch trotzdem könnte das Eine niemals ohne das Andere existieren.  Denn unser Umfeld macht uns zu dem, was wir sind und bestimmt somit auch in gewisser Weise, wie wir uns selbst in der Öffentlichkeit präsentieren und vorstellen. Dabei entspricht die Selbstdarstellung allerdings oft nicht dem eigentlichen Selbstbildnis. Das Selbstbildnis wird in seiner Darstellung von dem jeweiligem Umfeld, von Idealen und Vorbildern beeinflusst, die beispielsweise über die vielen verschiedenen Wege der sozialen Medien übermittelt werden.

Es ist wie im Straßenverkehr

Kann man ein Selbstbildnis beeinflussen? Nur bis zu einem bestimmten Punkt. Es ist ein wenig wie im Straßenverkehr. Dort gibt es Ampeln, Kreuzungen, Fußgängerüberwege und Fahrstreifen, in die man sich je nach Fahrtrichtung einordnen sollte. Alles scheint geregelt und geordnet abzulaufen. Doch sieht man mal genauer hin, so stellt man häufig fest, dass das schön aufgebaute Netz in einem wirrem Chaos endet. Autofahrer sitzen schimpfend hinter dem Lenkrad und beschweren sich über rote Ampeln, Radfahrer werden an Kreuzungen übersehen, Baustellen halten den fließenden Verkehr auf und Unfälle rufen sogar lebensbedrohliche Situationen herbei. Gerät unser Selbstbildnis aus der Spur, wie ein Smart, der von einem LKW übersehen wird und mit 120km/h in die Leitplanken der Autobahn brettert, so kann das auch negative Folgen haben. Es kann natürlich sein, das nur die Motorhaube etwas verkratzt, was nur halb so schlimm wäre, als wenn sich der Autofahrer des Smartes schwere Verletzungen zugezogen hätte.

Ein winziger Pinselstrich verändert

Zufriedene Selbstliebe kann sich zu unzufriedenem Selbsthass wandeln, der eventuell nicht einmal selbst verschuldet ist. Die eigene Entwicklung wird stetig beeinflusst und kommt nie zum Stillstand. Es gibt immer jemanden auf der Welt, der schneller rennt, höher springt oder mit halb so viel Anstrengung weiter kommt, als man selbst, das kann uns anspornen, aber auch klein machen. Im Selbstbildnis spiegelt sich das wider. Ein winziger Pinselstrich, der das Abbild eine weitere Nuance verändert.

Auch wenn der Smart auf der Autobahn vom LKW abgetrieben wurde, findet der große starke LKW lange nicht so schnell einen Parkplatz in der nächsten Großstadt, wie es der kleine wendige Smart tun würde. Jeder besitzt unterschiedliche Stärken und Schwächen.

Das Idealbild als unser Ziel

Unser Selbstbildnis bilden wir uns selbst, wie er der Name schon verrät. Dieses Bildnis besteht allerdings nicht nur aus der Realität, sondern auch aus Wünschen, Vorstellungen und Zielen. „Realität“ ist hier ein sehr schwieriger Begriff, da sie von jedem unterschiedlich definiert wird. Die eigenen realen Verhältnisse und Gegebenheiten können sich komplett von denen der anderen unterscheiden. So können auch meine Ziele bereits der Realität von anderen entsprechen, wodurch sie für diese zu einem Vorbild werden und mein Selbstbild beeinflussen, da das Streben nach Zielen und Wünschen verstärkt wird. Man will sich verändern und seinem eigenem Ideal entsprechen, um Anerkennung und Zufriedenheit zu erlangen. Unser Charakter und unsere Identität bilden sich aus unserem Selbstkonzept, welches sich an dem Idealbild, das wir von uns selbst haben, misst und orientiert.

Das Bild von sich selbst umfasst psychische sowie physische Faktoren und Vorstellungen.

Morgens vor dem Spiegel

Während Frauen morgens nach dem Aufstehen im Bad ihre Beine unter die Lupe nehmen, um zu kontrollieren, dass die Oberschenkel nicht zu dick sind und der Allerwerteste nicht zu klein ist, betrachten Männer im Spiegel ihre breiten Schultern und den (manchmal etwas zu groß geratenen) Bierbauch. Der Körper wird täglich zur Schau gestellt und von Fremden gelobt, kritisiert oder bemängelt. Selbst wenn man sich selbst in seiner Haut pudelwohl fühlt, können uns Außenstehende für zu dick oder zu dünn erklären. Unser eigener Körper, mit welchem wir unser ganzes Leben verbringen, kann je nach Empfinden, Zufriedenheit und Kritik unser Selbstvertrauen stärken beziehungsweise schwächen, was sich wiederum auf unseren Charakter auswirkt. Ein selbstbewusster Mensch präsentiert sich anders in der Öffentlichkeit als ein eher Schüchterner. Fällt es dem Einen schwer, Unbekannte anzusprechen, um nach dem Weg zu fragen, findet der Andere innerhalb weniger Minuten viele neue Freunde und Kameraden, mit denen er in der nächsten Kneipe Spaß haben kann. Diese Eigenpräsentation hat einen großen Einfluss darauf, wie wir von der Gesellschaft wahrgenommen und akzeptiert werden.

Es ist offensichtlich, das sich die Wechselbeziehung zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung zu einem Teufelskreis schießt, aus dem es kein Entkommen gibt. Sie ergänzen sich wie Ying und Yang.

Das Selbstbildnis geht mit der Zeit

Allgemein lässt sich sagen, dass sich das Selbstbild in unserer Gesellschaft grundlegend gewandelt hat. Vor 50 Jahren hatte die Menschheit andere Vorstellungen von ihrer Lebensweise und ihren Idealen als in der heutigen Zeit. Bestklassige Kutschenpferde werden durch einen Mercedes ersetzt, Smartphones erklären Briefe für irrelevant. Und was ist mit dem Selbstbild?

Mein Bild und Ich

Auch wenn es sich verändert und sich den gegebenen Umständen anpasst, bleibt es bestehen, da der Mensch es braucht, wie ein Maler seinen Pinsel,  um sich selbst identifizieren zu können.

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